
Manchmal gibt es diese Abende, an denen ein Playoff Spiel schon nach wenigen Minuten seine eigene Dramaturgie schreibt. Spiel 4 zwischen dem ERC Ingolstadt und dem EHC Red Bull München war genau so einer, ein Spiel, das erst sportlich entgleitet und dann emotional komplett aus den Fugen gerät. Am Ende steht ein brutales 7 zu 2 für Ingolstadt und eine Serie, die plötzlich wieder bei 2 zu 2 steht. Auf dem Papier pure Spannung, in der Realität ein Abend, der deutlich schwerer wiegt.
Der Moment, der alles verändert
Die Partie beginnt eigentlich ausgeglichen, mit Tempo, Intensität und zwei Teams auf Augenhöhe. Doch dann reicht ein Moment, um das Gleichgewicht zu verschieben. Philipp Krauß vollendet einen Konter zur frühen Führung, noch kein Wirkungstreffer, eher ein erstes Signal.
Was danach folgt, ist jedoch ein kompletter Kontrollverlust auf Münchner Seite. Eine fünfminütige Strafe bringt Ingolstadt ins Powerplay und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Riley Barber und Alex Breton nutzen die doppelte Überzahl gnadenlos aus, bewegen die Scheibe schnell und schließen konsequent ab. Drei Tore in nicht einmal einer Minute.
Aus einem offenen Spiel wird innerhalb kürzester Zeit ein 4 zu 0 und noch bevor München sich sortieren kann, legt Myles Powell kurz vor der Pause das 5 zu 0 nach. Fünf Gegentore im ersten Drittel, ein Playoff Spiel fühlt sich selten so früh entschieden an.
Wenn Emotionen kippen
Mit jedem Gegentor wird deutlicher, dass München nicht nur das Spiel, sondern auch die Kontrolle verliert. Die Partie wird hitziger, die Zweikämpfe härter, die Aktionen unsauberer.
Ein Beispiel dafür ist die Aktion von Jeremy McKenna, der mit dem Ellenbogen klar Richtung Kopf von Daniel Schmölz geht, eine Aktion, die in dieser Phase des Spiels sinnbildlich für das Münchner Auftreten steht. Wenig später sorgt das verlassen von Schmölz für mehr Unruhe, als er von der Strafbank direkt in Richtung Kabine verschwindet und damit zusätzlich Öl ins ohnehin schon lodernde Feuer gießt.
Es sind genau diese Momente, die Ingolstadt in die Karten spielen. Während die Panther ihre Linie beibehalten, verliert München zunehmend die Disziplin und liefert dem Gegner immer wieder neue Überzahlsituationen.
Disziplin entscheidet das Spiel
Im weiteren Verlauf zeigt sich immer deutlicher, dass dieses Spiel nicht nur über individuelle Qualität entschieden wird, sondern vor allem über Disziplin. München bekommt seine Möglichkeiten, auch in Überzahl, kann sie aber nicht nutzen. Ingolstadt hingegen wirkt in den Special Teams fast unaufhaltsam, jede Überzahl wie eine Einladung zum nächsten Treffer.
Chris DeSousa bringt die Red Bulls zwar noch einmal aufs Scoreboard, später trifft auch Veit Oswald, doch diese Momente bleiben Randnotizen in einem Spiel, das längst entschieden ist. Während München versucht, wieder Struktur zu finden, bleibt Ingolstadt eiskalt. Erneut ist es Alex Breton, der in Überzahl zuschlägt und den Spielstand weiter nach oben schraubt.
Das 7 zu 2 ist am Ende mehr als deutlich, es ist ein Statement. Eines, das jedoch schnell in den Hintergrund rückt.
Der Schatten über dem Spiel
Denn das, worüber nach diesem Abend gesprochen wird, passiert in der letzten Minute. Fabio Wagner fährt einen Check gegen Edwin Tropmann, ohne Chance auf den Puck und mit voller Wucht in den Kopf und Nackenbereich.
Tropmann geht zu Boden und bleibt bewusstlos liegen. In diesem Moment wird es still in der Halle, Spieler beider Teams stehen daneben, während die Sanitäter aufs Eis eilen. Sekunden, die sich ziehen und das Spiel endgültig in den Hintergrund drängen. Erst im Krankenwagen kommt Tropmann wieder zu sich, eine Nachricht, die zumindest etwas Erleichterung bringt.
Konsequenzen und was bleibt
Die Konsequenzen folgen schnell und deutlich. Die Liga sperrt Wagner für 14 Spiele und verhängt zusätzlich eine Geldstrafe. Die Begründung lässt keinen Interpretationsspielraum, ein extrem rücksichtsloser Check ohne spieltaktischen Zweck.
Auch die Verantwortlichen finden klare Worte auf beiden Seiten. Zwischen Frust, Emotion und dem Versuch, das Geschehene einzuordnen, bleibt vor allem die Erkenntnis, dass es Grenzen gibt, die selbst in den intensivsten Playoff Momenten nicht überschritten werden dürfen. Wagner selbst meldet sich später zu Wort, entschuldigt sich und übernimmt Verantwortung, ein wichtiger Schritt, der den Vorfall jedoch nicht ungeschehen macht.
Sportlich ist die Serie wieder offen, 2 zu 2, alles zurück auf Anfang. Emotional hinterlässt dieses Spiel jedoch Spuren. 125 Strafminuten, mehrere große Strafen und eine Eskalation, die sich über weite Strecken angedeutet hatte, ergeben ein Spiel, das phasenweise mehr nach Kampf als nach Eishockey aussah.
Spiel 5 wird deshalb mehr sein als nur das nächste Kapitel dieser Serie. Es wird auch darum gehen, wer die Kontrolle zurückgewinnt, über das Spiel und über sich selbst.



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