
Die Eissportlandschaft in Deutschland steht unter Druck. Besonders im Norden, wo Eishallen traditionell dünn gesät sind, geraten viele Anlagen ins Wanken. Gründe sind ein dramatischer Sanierungsstau, hohe Betriebskosten und politische Entscheidungen, die den Erhalt von Eisflächen erschweren. Für viele Kommunen ist der Betrieb einer Eissporthalle ein Verlustgeschäft – für Sportler, Vereine und ganze Regionen drohen damit nachhaltige Einschnitte.
Der Sanierungsstau – ein Erbe aus den 70er- und 80er-Jahren
Die meisten Eissporthallen in Deutschland wurden zwischen 1970 und 1990 gebaut. Damals galten Kältesysteme auf Ammoniak- oder FCKW-Basis als Standard. Heute sind viele dieser Anlagen am Ende ihrer technischen Lebensdauer. Ersatzteile sind schwer zu bekommen, und die Technik entspricht weder Sicherheits- noch Umweltstandards.
Besonders problematisch: Der Umstieg auf moderne Kälteanlagen kostet oft Millionenbeträge. Diese Investitionen müssen zusätzlich zu den ohnehin hohen jährlichen Betriebskosten gestemmt werden, die für eine mittelgroße Eishalle leicht 300.000 bis 500.000 Euro betragen können – allein für Energie und Wartung.
Fallbeispiele aus Norddeutschland
Timmendorfer Strand (Schleswig-Holstein)
Das Eissport- und Tenniscentrum (ETC) ist seit Jahrzehnten ein Hotspot für Eishockey, Eiskunstlauf und Freizeitläufer. Doch die Halle ist technisch überholt. Bereits mehrfach scheiterten Sanierungspläne an Bürgerentscheiden oder fehlender Finanzierung. Die Kälteanlage muss dringend ersetzt werden, die Dachkonstruktion ist sanierungsbedürftig, und der energetische Zustand treibt die Heizkosten in die Höhe. Ohne einen privaten Investor oder ein Förderprogramm steht der Eissport hier vor dem Aus – möglicherweise schon nach der Saison 2024/25.
Langenhagen (Region Hannover)
Die Eissporthalle Langenhagen ist Heimat mehrerer Vereine, vom Nachwuchs-Eishockey bis zum Eiskunstlauf. Die Betreiber warnen: Ohne sofortige Investitionen in die Kälteanlage (geschätzte 200.000 Euro) und jährliche Zuschüsse von 120.000 Euro ist der Betrieb nicht mehr möglich. Das Problem: Die Stadt Langenhagen ist hoch verschuldet und muss jeden Euro umdrehen. In der Kommunalpolitik gibt es keine Mehrheit für die Subvention – was einer Schließung gleichkäme.
Hamburg (q.beyond Arena)
Die Halle war einst Trainingsstätte der Hamburg Freezers und wurde Anfang 2024 für den Eissportbetrieb geschlossen. Ursprünglich sollte sie für Ballsportarten wie Handball oder Basketball umgenutzt werden. Doch die geringe Hallenhöhe machte dies unmöglich. Seitdem steht die Arena weitgehend ungenutzt leer – ein Beispiel dafür, wie fehlende Planung und bauliche Gegebenheiten eine sinnvolle Weiterverwendung verhindern.
Bundesweite Parallelen
Auch im Rest Deutschlands wiederholt sich dieses Muster. Die Eissporthalle Jonsdorf (Sachsen) schloss im Sommer 2024 endgültig, was den dortigen Eishockeyverein zur Auflösung zwang. Die Eissporthalle Gletscher in Harrislee (Schleswig-Holstein) war bereits 2016 Geschichte – damals scheiterte der Weiterbetrieb an der Umstellung von FCKW-Kältemitteln.
Folgen für Sport und Gesellschaft
Nachwuchsförderung leidet: Ohne Hallen müssen junge Talente lange Anfahrtswege in Kauf nehmen oder geben den Sport ganz auf. Breitensport bricht weg: Freizeitläufer, Schulprojekte und Eislaufkurse fallen ersatzlos aus. Eishockey- und Kunstlaufvereine verlieren ihre Basis: Trainingszeiten in entfernten Städten sind teuer und logistisch kaum zu stemmen. Regionale Kultur verschwindet: Viele Hallen sind identitätsstiftende Treffpunkte für die Bevölkerung.
Was getan werden könnte
Experten fordern eine bundesweite Eissport-Förderstrategie, die mehrere Punkte umfasst:
Sanierungszuschüsse für Kommunen und Vereine, um veraltete Kälteanlagen zu ersetzen. Energieeffizienzprogramme (Photovoltaik, Wärmerückgewinnung aus der Kälteanlage). Kooperationen zwischen mehreren Kommunen, um Hallen gemeinsam zu betreiben. Sportpolitische Verankerung von Eissport als förderwürdige Infrastruktur, ähnlich wie Schwimmbäder.
Fazit
Ohne schnelle Maßnahmen droht nicht nur in Norddeutschland sondern auch in vielen Regionen in Deutschlands ein flächendeckendes Hallensterben. Das hätte nicht nur sportliche, sondern auch gesellschaftliche Folgen. Wo heute noch Kinder das erste Mal Schlittschuh laufen, könnte in wenigen Jahren nur noch Betonboden liegen.


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